
Foto: Epoche der Aufklärung: Aufbruch in die Moderne
Es ist kurz vor Mittag. Hastig eile ich ins Restaurant, teils um die Schlangen vorm Buffet zu vermeiden und teils um unerkannt mit den Take-Away Boxen zurück in mein Apartment schleichen zu können.
Minuten später finde ich mich am Tisch mit A. wieder, beschäftigt mit dem Auseinander Nehmen meines Gemüse Haufens, um die langen Pausen zwischen unserem oberflächlichen Geplänkel überbrücken zu können. A., M., und C. waren meine Freunde vor einiger Zeit; jetzt allerdings haben wir nichts mehr zu besprechen.
Genauso wie B., J., und C., drei meiner besten und ältesten Freunde, von denen ich niemals geglaubt hätte, dass wir uns einmal auseinander entwickeln könnten.
Nun bin ich meistens allein. Absichtlich. Es gibt nichts mehr zu besprechen, es ist offensichtlich, dass wir uns nicht mehr verstehen. All meine Lebenserfahrungen sind zu viel; es ist, als ob wir uns in einem Hochhaus befinden, und meine Freunde nehmen die Treppe, während ich im High Speed Lift aufs oberste Deck hinauf rase.
Mit jeder Lebenserfahrung überspringe ich einige Stockwerke, entferne mich weiter und weiter von den Menschen in meinem Leben.
Fast will ich sagen, dass ich mit jedem übersprungenen Stockwerk weiser und einzigartiger werde, damit meine ich, dass ich mich weiter hinein in den Bereich derjenigen bewege, die die meisten einzigartigen Erfahrungen gesammelt haben.
Ich habe nichts mehr gemein mit ihnen; ich war nie in der 70 % Menge, die sich immer noch im ersten Stock befindet, ich startete bereits im dritten Stock, mit 20 % der Menschen, die ein ungewöhnliches Leben pflegen.
Jetzt allerdings komme ich mit jedem Tag näher an die 1 % Menge heran, die fast ausschließlich über einzigartige/ungewöhnliche Erfahrungen verfügt. Diese Menschen aufzufinden ist schwierig; die Stockwerke sind weitläufig und die Bewohner mit ähnlichen oder denselben Erfahrungen bevorzugen die Einsamkeit.
Ich kann nicht stehen bleiben, mich nicht zufrieden geben, mit dem, was ich habe, wo ich bin; ich habe einen Weg zu gehen, ein Ziel zu erreichen, und bis dahin gibt es viele Etappenziele zu erreichen, die überall auf der Welt liegen, überall auf der Erfahrungs-Skala.
Ja, manchmal wünschte ich mir, ich wäre noch im dritten Stock, in meiner Heimatstadt oder zumindest Heimatland oder zumindest Heimat Kontinent!, mit derselben Sprache, derselben Kultur, mit einem festen 40-Stunden Job, einer Wohnung, einem Auto, einer Versicherung bei UNIQA oder Merkur.
Mit monatlichen Friseur Terminen, Einkaufsbummel und Kaffeklatsch mit Freunden, die so viele ähnliche Erfahrungen haben. Wir könnten über Beziehungen sprechen, übers Fortgehen, was man normalerweise so macht in meinem Alter, im dritten Stock.
Doch ich bin im 131. Stock. Wo man überlebt. Wo man drei Stunden pro Nacht schläft, weil man zwei Jobs hat plus ein Vollzeit Studium, wo man eine Zeitung gegründet hat, wo man nie genug Geld hat, um Socken zu kaufen, geschweige denn einen Fuß in ein Klamottengeschäft zu setzen oder schlimmer, Zeit und Geld findet, um Kaffee trinken zu gehen.
Ich wüsste ohnehin nicht, was ich in einem Cafe treiben sollte. Habe ja beinahe niemanden, mit dem ich irgendwas besprechen könnte.
Im 131. Stock betreibt man Forschung; Politik, Ökonomie und Kapitalismus sind plötzlich nicht mehr Dinge, über die man in der Zeitung liest, sondern man ist mitten drin; ausgeschlossen, verhasst und doch ist die Menge irgendwie fasziniert von der Art meiner Forschung.
Im 131. Stock ist es hart, einen Job in der Pferde-Industrie zu finden, weil der eigene Name zu einem „Brand“ geworden ist, man kennt ihn in der Industrie; man will lieber nichts mit einem Revoluzzer zu tun haben. Hier gibt es bereits die ersten Menschen, die wissen, dass die Erde nicht flach ist; doch ist dieses Wissen gefährlich. Solange es keinen Weg gibt dies zu beweisen, wird man von der Industrie ausgeschlossen bleiben.
An dieser Forschung arbeite ich gerade. Nur, dass diese Theorie mit Pferden und nicht mit der Erde zu tun hat.
Im 131. Stock kreiert man sein eigenes Leben. Hier oben gibt es kein Sicherheitsnetz, keine Fensterputzer, keine Brandmeldeanlage. Wenn es Probleme gibt, muss ich diese selbst lösen, auch wenn ich dafür einiges opfern muss. Hier gibt es keine Hilfe mehr; Nicht vom Sozialsystem, nicht von Freunden, nicht von Familie, oder Banken.
Man verdient, was man verdient.
Hier herrscht Neid; Seit ich den Eingang zum Lift gefunden habe, wurde ich von den Menschen in den niedrigeren Stockwerken verachtet. Jedes Stockwerk, das ich überspringe, beinhaltet neiderfüllte Bewohner, die mir das Schlimmste wünschen. Als ob ich sie verraten hätte. Weil ich nicht glauben konnte, dass die Erde flach sei.
Manchmal frage ich mich, ob mancher Neid daher kommt; Die Wut der Menschen auf etwas Neues, das möglicherweise deren Leben umkrempeln könnte. Die Routine beschädigen. Oder vielleicht sind sie einfach nur neidisch. Wenn sie wüssten, was ich für meine Reise aufgeben musste. Wie schwierig dieser Weg ist. Niemand ist hier mit zuversichtlichen Worten. Oder Stolz.
Im 131. Stock ist es auch sehr einsam. In der Ferne sehe ich all die anderen Hochhäuser mit ebensovielen Stockwerken, doch habe ich keine Mittel oder Wege, um Kontakt zu anderen 131. Stockwerken herzustellen.
Die einzigen Kontakte, die mir bleiben, sind die paar Menschen in den Stockwerken unter mir.
Oberflächliches Geplänkel.
Meine biologische Familie steckt im Keller. Immer noch. Diesen habe ich schon vor langer Zeit verlassen. Jetzt verstehe ich nicht einmal mehr die Sprache, in der sie sprechen. Ab und zu erreicht mich ein Brief in Zeichensprache, den ich nicht entziffern kann. Auf den ich nicht antworten kann.
Ein Erdbeben vor einiger Zeit verschüttete den Zugang zu den unteren Stockwerken. Selbst wenn ich die Menschen dort unten besuchen wollte, es wäre nicht mehr möglich.
Irgendwo im 100. Stock habe ich eine andere Familie. Und irgendwo zwischendrin wirklich gute Freunde. Dessen Sprache ich immer noch verstehe, doch die Briefe brauchen eine lange Zeit, um anzukommen.
So viele Menschen leben in meinem Hochhaus; doch nur die wenigsten kann ich verstehen und noch viel weniger verstehen mich.
Vielleicht, irgendwann, werde ich am Dach des Hochhauses ankommen und dort, mit meiner fertigen, publizierten Forschung einen Weg finden, um die langsamen Treppen in meinem Hochhaus mit schnellen Liften zu ersetzen. Zumindest die höheren Stockwerke verbinden. So dass ich bald nicht mehr alleine bin, am Dach des Hochhauses.
Der Keller wird wohl für immer verschüttet bleiben. Mit all der giftigen, ungesunden Luft, die dort unten herrscht